STÜCK

Anno 1798 – die Franzosen kommen

Nach dem vielseitigen und begeisternden Programm des Museums Aargau 2015 zum Thema «Die Eidgenossen kommen» hat sich Thomas Senn entschlossen, das neue Theaterstück unter einem ähnlichen Titel laufen zu lassen. Während sich 1415 die Eidgenossen den Aargau als Raubgut einverleibten und in der Bevölkerung Angst und Schrecken auslösten, sieht es im Vorfeld der französischen Invasion (1798) anders aus. Das aristokratische Berner Regime, das auch im kleinen Hottwil seit 1468 regierte (Eroberung nach den Schwabenkriegen), hatte sich abgenützt. Die französische Revolution mit dem zugkräftigen Slogan von «Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit» weckte bei der Landbevölkerung die Hoffnung auf das Ende der bernischen Bevormundung. Entsprechend freuten sich die Menschen auf die Ankunft der Franzosen. Dass sie schliesslich Entbehrung und Leid erfahren mussten, gehört zu den Begleiterscheinungen jedes Krieges.

Das Theaterstück befasst sich im ersten Teil mit dem dörflichen Leben unter Berner Verwaltung. Dabei fällt weniger die staatliche Ordnung auf, die durch den Untervogt – ein Hottwiler – ausgeübt wurde, als vielmehr die religiöse Einflussnahme durch den Pfarrer von Hottwil und Mandach. Die reformierten Dörfer waren Grenzland zum habsburgisch geprägten Fricktal und zum Kirchspiel mit katholischem Glauben. Der Pfarrer war Garant für die Einhaltung der zahlreichen Weisungen aus Bern, welche tief ins moralisch/ethische und das pfarreiliche Leben der Bevölkerung eingriffen und als Last empfunden wurden. Die Beziehungen zu den katholischen Nachbardörfern mit den kirchlichen Feiertagen und fasnächtlichen Anlässen waren stets eine Gefahr für den eigenen, richtigen Glauben und daher verboten. Verbote sind da, um übergangen zu werden. Das Hin und Her über die Jahrhunderte alte Landesgrenze mit den unterschiedlichen Kulturen, die ebenso alten Spannungen zwischen Hottwil und Mandach und die steigende Hoffnung auf die Franzosen machen den Reiz des ersten Theaterteils aus. (Quelle: «Hottwil – Geschichte eines Dorfes im Aargauer Jura» 2007)

Der Einmarsch der Franzosen ist lokalhistorisch dürftig belegt, somit weitgehend ein Fantasiegebilde. Er zielt auf spannende Unterhaltung mit gestalterisch wertvollen Bildern ab. Das Problem der verschiedenen Sprachen lässt sich dadurch lösen, dass die Invasionstruppe Elsässisch spricht und die Übersetzung ins hiesige Idiom ein anspruchsvolles Kuriosum bedeutet, das auch Folgen nach sich zieht. Frühere Feldzüge führten im Gefolge die Marketenderinnen mit. Sie waren für verschiedene, zum Teil moralisch bedenkliche, aber auch hilfreiche Dienste zuständig und im Heer angesehen. Dass die kleine Begleittruppe aber für die Wende im Spielverlauf sorgt, darf nicht zum Vornherein erwartet werden.

Als verbindendes und aufheiterndes Element zwischen den neun Szenen wirkt eine kleine Gauklergruppe. Grossen Einfluss auf Form und Einprägsamkeit haben wie bei «sMarei» 2012 im Gansinger Steinbruch die Livemusik von Urs Erdin sowie die Choreografien von Katharina Schmid. Und natürlich die Regie von David Imhoof, der seit 2015 das Theatergeschehen in Hottwil einstudiert. «anno 1798 – die Franzosen kommen» ist eine Produktion des Theaters Gansingen und der Spielleute Hottwil.